Montag, 29. Juni 2026

Vezelay oder Massentourismus im Mittelalter

Zur Blütezeit des Burgunds, als zahlreiche Klöster und Städte gegründet wurden  entdeckte man neben dem Wein eine zweite Einnahmequelle: den Tourismus. Das hat sich seit knapp 1000 Jahren nicht geändert. 

Da damals aber niemand wegen der Landschaft verreiste und die Kirchen ja noch im Bau waren, was Unsummen kostete, beschaffte man sich irgendwo her die Knochen irgendeines Märtyrers oder sonstwie Heiligen und schon strömten die Pilger und alle, von Wirt bis Wegelagerer, machten Kasse. Und die Abteien erst recht. Eines der Ziele, am französischen Jakobsweg gelegen, war/ist Vezelay. 

Auf der anderen Seite des Morvan gelegen, fuhr ich zunächst über angenehm leere Landstraßen durch das schöne Mittelgebirge, den Rest dann auf einer Nationalstraße. Hier gilt ja, je kleiner und unübersichtlicher sie Straße, desto schlimmer wird gerast. Auf der dreispurigen Autobahn zwischen Dijon und Beaune fuhr niemand außer mir schneller als 100 km/h (erlaubt sind 120 )! Autobahn als deutsche Kernkompetenz. 

In Vezelay angekommen, ärgerte ich mich über die nicht existierende Ausschilderung zu den Parkplätzen. Nachdem ich einmal wieder raus und in einem sehr weiten Bogen wieder hinein gefahren war, ärgerte ich mich erneut  diesmal über den Ticketautomaten, der nach ewiger Tipperei und sinnlosen Eingaben (Nummernschild!?) kein Ticket rausrückte. Dann eben nicht.

Mittlerweile hatte ohnehin die Mittagsmesse begonnen, da beschloss ich, in der netten Bar nebenan einzukehren. Obwohl sonst eher Snacks und Kuchen auf der Karte, waren Steak frites im Angebot, sogar mit Herkunftsbezeichnung. Das dadurch erweckte Vertrauen wurde nicht enttäuscht.

Darob heiterer gestimmt, stieg ich durch die lange Gasse des Dörfchen zur Kirche auf. Das hübsche Dörfchen bestand eigentlich fast nur aus dieser Gasse, in der sich Boutique an Restaurant reihte. Das Ganze hat sich vermutlich, bis auf die angebotene Ware, seit dem Mittelalter nicht verändert. 


Draußen empfängt die Kirche St. Madeleine mit einem Tympanon, das -natürlich- das Jüngste Gericht zeigt. Ist ja auch eine gute Reklame, um die Leute zum Pilgern, Büßen und Spenden zu bringen. 



Drinnen hat schon der Vorraum die Ausmaße einer Dorfkirche. Die eigentliche Basilika ist vor allem groß. Auf mich wirkt sie unproportioniert, düster und kahl. Die Steinmetzarbeiten sind schön, aber das hatte ich in Autun schon mindestens genauso gut gesehen. Von allen romanischen Kirchen,  die ich im Burgund gesehen habe, hat mich diese am wenigsten gefesselt. Vielleicht habe ich einfach schon so viele gesehen. 





Aber schöne Aussicht! Und auch der Blick von der Landstraße zur auf dem Hügel thronenden Kirche ist hübsch.

Im Ort gibt es viele Galerien, Ateliers und die Sammlung Zervos mit Werken der klassischen Moderne im Wohnhaus des Schriftstellers Romain Rolland.



Am Abend dann ein letztes Picknick im Schlosspark mit Katze.

Beim Anblick der weißen Charolaise-Rindern im Sonnenuntergang hatte ich schon kurz ein schlechtes Gewissen wegen des Steak frites...



Sonntag, 28. Juni 2026

Augustodunum und Bibracte

Bevor ganz Gallien besetzt war (ganz Gallien?...) blühte das Oppidum der Häduer mit Namen Bibracte auf. Hier rief Vercingetorix die Stämme zum Aufstand zusammen, bevor in Alesia alles den Bach runter ging.  Ihr erinnert euch? Falls nicht, holt die Asterix*-Hefte aus dem Keller. 

Heute ist Bibracte ein internationaler Grabungsort und in weiten Teilen von Wald bedeckt. Am Parkplatz neben dem dazu gehörenden Museum stellt sich die Frage: zu Fuß oder mit dem Auto? Die Klimaanlage im Auto ist verlockend,  hier sind noch immer knapp unter 40° .
Aber erstens kann Bewegung angesichts des leckeren, aber nicht immer leichten Essens nicht schaden und zweitens kann ich mich so zugleich mit Geschichte und mit Vögeln beschäftigen. 
So geht's 200m bergauf durch wunderschönen Buchenmischwald. Oben angekommen, begrüßen einen alte Buchen, die aussehen, als wären sie von Druiden verhext worden!

St. Pierre-Quelle



Die Hitze flimmert, aber immerhin weht hier ab und zu ein Lüftchen. Die Grabungskampagnen sind ja ausgerechnet im Juli/August! Aber immerhin hat man dabei einen schönen Blick auf die Landschaft. 




Nach 5km ist man dann den Parcour durch, der über Wiesen, Wälder und zu diversen Mauern führte. 
Im gallischen Restaurant wartet dann aber kein Wildschwein, sondern nur Kaffee und trockenes Teilchen. 
Im Museum gibt es sogar einen Audioguide in deutscher Sprache. Ich lerne einiges über die Kelten/Gallier.
Auch über deren Bauten und der Vorliebe ihrer Nachfahren für modernistische, etwas monumentale Museumsarchitektur. Eine Klimaanlage gab es nicht, aber dafür nicht zugängliche Innenhöfe...?!




Nach der Eroberung Galliens gab es noch eine kurze Blütezeit in Bibracte, dann aber zog es immer mehr Menschen in die moderne römische Stadt Augustodunum, die verkehrsgünstig an der römischen Schnellstraße lag. Bibracte verschwand unter Wald.
Auch ich verschwinde zurück nach Augustodunum, im hiesigen lateinischen Dialekt auch Autun genannt.

Von meinem Chateau geht es durch die Porte Arroux in die Stadt hinein und an der Porte St. André wieder hinaus in Richtung Theater.




Auch nach dem Untergang des Imperium Romanum beeinflusste die römische Kulturen das Hochmittelalter. Im Form des romanischen Baustils, der den Haupteil der überraschend schönen Kirche St. Lazare bestimmt, ausgerechnet auf dem höchsten Hügel der Stadt erbaut...(ächz, stöhn, schwitz).


Tolles Fischrestaurant


Draußen ein großartiger Tympanon mit dem Jüngsten Gericht (muss im 11. Jh. das Thema gewesen sein) und wunderschönen, fast abstrakt wirkenden Figuren. Auch drinnen ungewöhnlich feine Steinmetzarbeiten. Der helle, große romanische Bau wurde wie oft im gotischen Stil erweitert, um Platz für die Pilger zu schaffen, die in den Kapellen zu ihren unterschiedlichen Heiligen beten konnten. So einen Art Märtyrer-Mall.
Toll, wie die bunten Fenster für Lichteffekte auf dem hellen Sandstein sorgen!









Autun kann auch alternativ...



...und ziemlich homoerotisch! Naja, wenn einer der Typen Flügel hat, geht das wohl in Ordnung. Nur die Frau drunter wirkt unglücklich. Ob er weiter Unterhalt zahlt? 



*ASTERIX steht auch für ein Datenaustauschprogramm zur Flugsicherung. (Diesen Satz habe ich nur geschrieben,  weil ich schon immer mal Asterix mit einem Asteriks versehen wollte.)

Samstag, 27. Juni 2026

Landschaft! Und ein Chateau.

Mit dem Mietwagen von Dijon nach Autun, gibt es schnelle und schöne Strecken. So sieht es aus,  wenn man die schöne (nämlich die D17 durch die Haute Côte de Beaune) nimmt...





Die Felsen von St. Romain

Nach einer Stunde Zugfahrt von Tournus nach Dijon (hat gut geklappt, sonst ist hier auch gerade Bahnchaos), dem Besuch des dortigen seltsamen Postamts (Vgl. Blogeintrag Dijon, hat auch gut geklappt) und den Formalitäten der Mietwagen-Ausleihe (hat nicht so gut geklappt, diesmal hat es Visa mit der Sicherheit zu genau genommen) sowie der eigentlichen gut 2,5stündigen Fahrt (samt Foto-Pausen, bei denen man das einigermaßen klimatisierte Auto verlassen musste) war ich doch froh, im Chateau de Millery angekommen zu sein. 



Das Eckzimmer im 2.Stock ist meins...



Blick vom Schlosspark auf Rinder und Autun! 


Roman(t)ische Tour in und um Tournus

Burgund gilt ja als Wiege der romanischen Kultur mit seinen vielen berühmten Abteien von Benediktinern bis Zisterziensern, aber auch interessanten kleinen Dorfkirchen.

Also, rauf aufs Rad und raus aus dem hübschen, heißen Tournus in das ländliche Burgund.

Die Strecke führt durch schönste Landschaft, über reife Weizenfelder streicht der Rotmilan, grüne Sonnenblumenfelder und Weinberge wechseln sich mit gelbem Senf und Wiesen mit weißen Charolaise-Rindern ab. Ich bin ob der hügeligen Landschaft und der sengenden Hitze froh über das E-Bike. Gelegentliche kleine Wäldchen und Alleebäume schaffen kleine Schatteninseln.


Die erste Kirche in Farges-les-Mâcon ist leider geschlossen, aber Kirche und Dorf Uchezy entschädigen dafür. 



Uchezey: 




Hinter Chardonnay (genau, wie die Traube) wird auf einen "Pierre de Matafin" hingewiesen. Hinkelstein? Keltische Richtstätte? Mal gucken, die Schilder zeigen vage auf das nichts einer gemähten Wiese, aber ich habe ja dicke Reifen und das Heu duftet. Das Resultat war enttäuschend, aber der lichte Eichenhain wunderschön.


Weiter ging's nach Ozenay, deren Kirche man die 800 Jahre schon ansah. Der bröckelnde Putz legte ältere Fresken frei, das Loch in der Portalrosette wurde vom Hausrotschwanz als Flugloch genutzt, um in einer Wandnische zu brüten. Im Dorf gab es noch ein schönes Chateau und ein geschlossenes Restaurant.




Ich machte mich auf den Rückweg nach Tournus ans Ufer der Saône. 

Nach kurzem Picknick am Wasser besuchte ich noch die Kathedrale von Tournus, eine alte Pilger- und einstige Klosterkirche der Abtei St. Philibert. Die hohe romanische Kreuzbasilika samt Seitenschiffen und gotischen Kapellen wirkt hell und fast etwas zeitlos, wären nicht Orgel und Kanzel, könnte man auch eine Episode Game of Thrones drehen. 





Es gab auch noch alte Mosaiken aus dem 12. Jh., zufällig(?) mein Sternzeichen! 

Hinter der Kirche und entlang der Saône zieht sich das hübsche Städtchen Tournus, in dem es eine gute Fromagerie mit einer entzückenden älteren Dame hinter dem Tresen, einen guten Weinladen mit einer ebenso netten und kompetenten Verkäuferin und ein niedliches Studiette in einem uralten Gemäuer gibt, mit einem Louis-Philippe-Bett, indem mein Vermieter einst schlief. (Der muss damals aber noch kleiner als 1,80m gewesen sein, ich passte gerade mal so rein.)